Mit Captain Ciulli in Fassbinders Neverland Ranch
Roberto Ciulli landet mit seinem Traum-Zeit-Raum-Schiff zielsicher in Landsberg am Lech. Nein, nicht in München. Das kennen wir zur Genüge. Wir wollen zurück zu den Anfängen.
Bad Wörishofen, wo das Genie Rainer Werner Fassbinder geboren wurde, ist so weit nicht weg. Augsburg auch nicht, wo er einen Teil seiner Schulzeit verbrachte. Und Captain Ciulli lehrt uns die Zeit-Raum-Krümmung, die ein anders Genie erfunden hat, Albert Einstein, ein Jude. Und schon haben wir, dieses unaussprechliche Wort „Jude“ ausgesprochen. Wir wissen, wir werden nicht nur NUR EINE SCHEIBE BROT sehen, sondern auch DER MÜLL, DIE STADT UND DER TOD. Das ist Fassbinders allererstes Stück, mit dem er quasi als „Schulbub“ noch den 4. Preis in einem Dramatiker-Wettbewerb in Augsburg errungen hat, das Stück um die „arme Judensau“, die um die letzte Scheibe Brot kämpft und sein allerletztes, sein Skandalstück um das „reiche Judenschwein“, das sich dafür rächt in welcher Form auch immer. Das sind die Antipoden. Und als wären die beiden Stücke von Einstein auf eine Spiegelfolie geschrieben, klappt der weise Theatermann Ciulli die linke auf die rechte Seite der Raum-Zeit-Folie so übereinander, daß die beiden schwarzen Löcher bzw. Un-Wörter aufeinander zu liegen kommen. So überwinden wir Raum und Zeit und sind im Hier und Jetzt im Landsberger Stadttheater.
Wir, das sind die Menschen, die eigentlich immer alles schon besser wussten, und nur deshalb ins Theater gehen, um das bestätigt zu bekommen, was wir ohnehin schon wissen. Captain Ciulli erklärt uns ganz simpel mit DAS BLUT AM HALS DER KATZE, daß das Ende einer Maus der Anfang einer Katze ist. Sofort lässt der große Dompteur Ciulli sein Raubtier natürlich nicht aus dem Sack. Wir befinden uns zunächst auf einer Art Intensivstation. Oder ist es eine Dekompressionsanlage? Oder ein Kreissaal? Alles hinter Glas oder Folie. Schattenrisse. Schattenspiele? Traumgestalten. Nach der Landung seines (T)Raum-Schiffes entsteigt diesem eine ganze Ladung von Prototypen aus Fassbinders eigener Menagerie oder sind das Zombies, die uns schon irgendwann im Leben über den Weg gelaufen sind, wobei wir hier dann mehr die Schauspieler von damals im Kopf haben als ihre gespielten Rollen. Die Assoziationen rutschen unkontrolliert aus uns, und mit Sicherheit bei jedem anders, heraus. Ich (also nicht man) kann sie sogar hören, Margit Carstensen, Kurt Raab, Ingrid Caven, Volker Spengler und Rainer Werner Fassbinder höchst da selbst. Traum oder Alptraum? Was ist Sprache? Was sind Worte? Und was ist ihre Bedeutung? Wie macht man sich damit verständlich? Und wie geht man damit um, so, daß man eben nicht missverstanden wird? Womit wir wieder beim Thema des Abends wären. Dem falsch verstandenen Fassbinder.
Darf man Roberto Ciulli dafür böse sein, daß er das gerne korrigieren möchte. Nein, dankbar müssen wir ihm sein, ihm dem „Ausländer“, dem Fassbinder in KATZELMACHER und ANGST ESSEN SEELE AUF schon ein Denkmal gesetzt hat. Der Ausländer Ciulli lehrt uns die eigene Sprache wieder. Er kümmert sich um das deutsche Denkmal Fassbinder, als wäre es ein Grabmal, das mit „Antisemit“ beschmiert worden ist. Er „zeigt uns die Wunde“ im Boys’schen Sinn, wo „Prosemit“ draufstehen sollte. Das ist Ciullis kulturhistorische Glanzleistung, für die wir ihm nicht dankbar genug sein können, daß er das in Schieflage geratene Monument Fassbinder wieder etwas gerade gerückt hat. Für mich die Inszenierung des Jahrzents.
Dankbar müssen wir auch Ciullis Mannschaft sein, die Ciullis akrobatischen Raum-Zeit-Traum mitgeträumt, die sich beherzt auf diesen Cocaine-Tripp gewagt hat. Allen voran dem Ersten Offizier, dem Marlon Brando des Abends, Simone Thoma. Oder der/die Mutant/in des Abends, indem sie wie eine Raupe im Verpuppungsstadium auf der Bühne von „Phöbe/Zeitgeist“ über „Fricke/Prosemit“ zu „Jude/Antisemit“ sich jeweils selbst neu gebiert und sich wie ein frisch geborenes Kalb auf die staksigen Beine stellt. Das ist beeindruckend und überzeugend. Das stimmt einfach. Sowas hat man auf einer deutschen Bühne schon lange nicht mehr gesehen. Homo- oder heterosexuell greift hier nicht. Das ist androgyn. Das ist es ohnehin, wenn eine Frau einen Mann spielt. Das ist aber auch Fassbinder, der schwule, Frauen fickende Fassbinder. Das Geniale an der Thomas/Ciulli-Interpretation ist, daß sie sowohl den Macho Fasso, als aber auch den kleine Bubi Fassi zeigen. Und das läuft über ein (für mich) geniales Kostüm. Simone Thoma sieht aus wie Angus Young, der Peter Pan der Rockgeschichte, der geniale Gitarrist von der nicht minder genialen Heavy-Metal-Group AC/DC. Sein Bühnenoutfit ist eine dunkelblaue, englische Schuluniform, ein Schüleranzug mit kurzen Hosen, weißem Hemd und dunkelblauer Krawatte. So rockt hier auf einmal Fassbinder über die Bühne, daß einem das Blech wegfliegt wie die Schwermetaller vielleicht sagen würden. Man ist so erledigt von dem was uns Fassbinder posthum noch mitzuteilen vermag, von seiner Wiederauferstehung und Leibhaftigkeit und Aktualität, daß man fast das Klatschen vergisst und das Bravo über den gestockten Atem nur mühsam über die Lippen kommt. Bravi, Ciulli! Bravi, attori! Bavi, costumi! Bravi tutti!
Bravi Landsberg! Dafür, so ein Jahrhundertstückerl deutschen Theaters nach Landsberg geholt zu haben.
Rudolf Waldemar Brem
München
Fassbinderschauspieler der Fassbinderanfänge
Gründungsmitglied des antiteaters
Bundesfilmpreisträger für den Film KATZELMACHER